Sozialdienst gegen die Einsamkeit

Von Helga Meister in der Westdeutschen Zeitung

Im Saal des Dorothee-Sölle-Hauses an der Hansaallee herrscht angespannte Stille. Es wird hier zwar nur gekegelt, aber die 20 Senioren, die zusammen am Tisch sitzen, haben sportlichen Eifer entwickelt und wollen alle Neune treffen. Vanessa Thelen (13) und Florentine Gronski (12) assistieren den alten Menschen beim Spiel. Beide sind Schülerinnen des Cecilien-Gymnasiums in Oberkassel und leisten ihren freiwilligen, sozialen Dienst ab. „Ceci goes social“ nennt sich das Schulprogramm, das fester Bestandteil im Leben aller Beteiligten geworden ist. „Ich habe mir den sozialen Dienst schlimmer vorgestellt“, gibt Vanessa ehrlich zu. Sie ist zweimal in der Woche drei Stunden bei den alten Menschen, in den Herbstferien kam sie sogar täglich. Frank Ufermann vom Sölle-Haus findet die Arbeit der Schülerinnen wichtig und bestärkt sie in ihrem Tun: „Den Älteren geht das Herz auf, wenn sie der Jugend begegnen. Das ist für die Bewohner ein Zeichen von Leben. Sie denken dann spontan an ihre Enkelkinder, die leider viel zu selten kommen.“

Foto: Westdeutsche Zeitung.
Vanessa Thelen und Florentine Gronski (oben Mitte) begleiten das Kegelspiel der Senioren.

Die alten Menschen wollen vor allem nicht alleine sein. Florentine Gronski beobachtet ihre Umgebung. „Die Menschen haben Angst vor dem Alleinsein. Erst das Beisammensein in der Gruppe macht sie lockerer. Dann geht es manchmal richtig flapsig zu“, sagt die Schülerin. Der Rentner Karl Hanenrück, ehemaliger Drehermeister bei Rheinmetall, erklärt den Schülerinnen, warum er mit dem linken Arm spielen muss: „Ich kann mit dem rechten Arm nicht mehr so weit ausholen.“ Stolz blickt er zu ihnen herüber, als er fast alle Neune umgeworfen hat. Vanessa sieht das und fasst sogleich einen guten Vorsatz: „Wenn meine Großeltern richtig alt sind, will ich sie auf alle Fälle unterstützen.“

Schülerin Laura Aberham (13) verrichtet ihren sozialen Dienst in der Cafeteria. Anfangs behagte ihr neue Aufgabe nicht recht. „Ich wusste nicht, wie ich Demenzkranke betreuen soll.“ Inzwischen fühlt sie sich etwas sicherer. Sie sitzt am Tisch und hört einfach zu, wie eine Frau ihr immer wieder sagt, sie werde gleich abgeholt. Laura beruhigt sie und streichelt ihr die Hand.

Foto: Westdeutsche Zeitung.
Laura Aberham hört einer Demenzkranken zu.

„Oberkassel gilt als reich. Da ist es wichtig, wenn junge Leute auch die Schattenseiten kennenlernen.“ Christiane Snellman, Projektleiterin, über die zwei Seiten einer Welt. Im dritten Jahr läuft das Sozialprojekt am Cecilien-Gymnasium. Eine ehemalige Schülerin der Privatschule Schloss Salem hatte die Idee mitgebracht. Projektleiterin Christiane Snellmann griff sie nur zu gern auf: „Oberkassel gilt als reich, da ist es wichtig, wenn junge Leute auch die Schattenseiten kennen lernen. Sie erfahren andere Werte, jenseits von Egoismus, Materialismus und Konsum. Das Projekt fördert die Sozialkompetenz, Kommunikation und Eigenverantwortung.“

100 bis 120 Kinder der Jahrgangsstufe 8 leisten 60 Stunden im Schuljahr ab. Sie werden von Lehrern, Seniortrainern und engagierten Eltern begleitet. Denn nicht immer geht es nur ums Kegel-Schieben. Sechs Klassenkameraden besuchen Einrichtungen für Blinde und Sehbehinderte der evangelischen Kirche im Rheinland. Lilian Vogelsang und Maximilian Roth schlugen von sich aus die Mitarbeit in einer Wohngruppe mit acht schwerstbehinderten Kindern und Jugendlichen in Meerbusch-Osterath vor. Dort lernen Behinderte, Verantwortung für Tiere zu übernehmen. Projektleiterin Snellman reagiert vorsichtig: „Erst wenn die Erlebnisberichte vorliegen, entscheiden wir, ob wir das Projekt auch anderen Schülern empfehlen können.“ Bisher waren die Reaktionen positiv.



 

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    Düsseldorf                  
                                     
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Stand: 12.11.2007