Die materiellen Lebensbedingungen der verschiedenen
gesellschaftlichen Klassen klaffen erheblich auseinander. Den Präsidentenpalast
und die Wellblechhütten-Slums trennen in Nouakchot nur wenige hundert
Meter. Obwohl die Sklaverei abgeschafft wurde, hat jeder wohlhabende
mauretanische Haushalt Bedienstete, die sehr schlecht behandelt und
bezahlt werden. Wir haben sogar Diener gesehen, die den ganzen Tag abrufbar
hinterm Kühlschrank sitzen müssen. Das BIP beträgt in
Mauretanien 390 $, das ist 65 mal weniger als in Deutschland.
Sobald die Menschen sesshaft werden, geben sie ihre Traditionen oft
weitgehendst auf und übernehmen die europäische Lebensart,
die wie ein Fremdkörper neben den traditionellen Lebensverhältnissen
erscheint.

Obwohl unser Aufenthalt nur 2 Wochen dauerte, lernten wir die Kultur
und das geruhsame Alltagsleben Mauretaniens gut kennen. Die muslimische
Religion prägt den Alltag der Mauretanier. Mehrfaches Beten und
der Moscheebesuch am Freitag, an dem jegliche Arbeit ruht, ist vorgeschrieben.
In Mauretanien wird ausschließlich mit der rechten Hand gegessen
(die linke ersetzt die Toilettenrolle). Die traditionelle Ernährung
besteht aus viel Fleisch, Fisch, Reis, Kuskus, Datteln, Mangos und Kamelmilch.
Gekocht wird mit Holzkohle unter freiem Himmel. Weil die Mauretanier
viel Fett verwenden, lassen sich aus Reis und Kuskus leicht handliche
Bällchen formen. Nach einigen missglückten Versuchen war das
einfache Essen mit den Fingern sehr lustig! Bei unseren zahlreichen
Einladungen durch die sehr gastfreundlichen Mauretanier haben wir auch
Gemüse gegessen, da wir uns auf die Warnung hin, dass es normalerweise
üblich ist ein Schaf, eine Ziege o.ä. für Gäste
zu schlachten, als Vegetarier ausgaben.
Im Gegensatz zu Deutschland, wo sich das Leben geregelt, diszipliniert
und hektisch abspielt, verbringen die Mauretanier ihren Tag sehr geruhsam
und gesellig. Da sie alles nicht so ernst nehmen, sind sie jedoch oft
unzuverlässig und unpünktlich. Selbst das Militär, welches
das Straßenbild entscheidend prägt, findet man meist lässig
unter einem Baum liegend, Tee trinkend und keineswegs stramm stehend
oder gestresst.
Zwischen unserer und der öffentlichen Verwaltung Mauretaniens bestehen
erhebliche Unterschiede. So wäre ein einfaches Loch in einer Häuserwand,
nur durch einen mit Bleistift gezeichneten Briefumschlag als Briefkasten
gekennzeichnet, bei uns nicht vorstellbar. Die Kontrolleure am Flughafen
Nouakchotts waren zwar mit Gepäck-Röntgengeräten ausgestattet,
schauten jedoch nur selten auf ihre Monitore, sondern tranken lieber
Tee und beobachteten interessiert das Treiben der Passagiere. Der für
uns anfangs sehr zähfließende Zeitrhythmus der Mauretanier
machte uns zunächst recht ungeduldig. Während die Kinder auf
der Straße spielen, sitzen die Erwachsenen mit Nachbarn und Freunden
auf dünnen Matten auf dem Boden. Dieses für uns üblicherweise
oft mit Faulheit verwechselte Nichtstun wird bis zu acht mal am Tag
durch jeweils drei Tees unterbrochen.