Mauretanien im Sommer 2005
Putsch, Cholera und Heuschrecken
Wie jedes Jahr habe ich die gesamten Sommerferien in Mauretanien verbracht, um mich vor Ort um die vom 'Verein der Freunde von Mauretanie e.V.' finanzierten Projekte zu kümmern.
Am 3. August wurde ich Zeuge eines friedlichen
Staatsstreiches, der später allgemein als "Palastrevolution"
bezeichnet wurde.
Gegen 9 Uhr morgens nahm ich von weitem eine Serie von Schüssen wahr,
ohne zunächst jedoch groß darüber ins Grübeln zu geraten.
Erst als ich um 10 Uhr im französischsprachigen Radiosender hörte,
dass es in Mauretanien wieder einen Putsch gegeben habe, wurde ich etwas unruhig.
Seit 2003 versuchten nämlich unterschiedliche Kräfte im Land sich
des Präsidenten, der 1984 selbst durch einen Militärputsch an die
Macht gekommen war, zu entledigen, teilweise auch mit blutiger Gewalt; bisher
aber waren alle Putschversuche erfolglos geblieben.
Diesmal jedoch profitierten einige Militärs und sehr enge Mitarbeiter
des bisherigen Präsidenten davon, dass dieser zu den Trauerfeierlichkeiten
des verstorbenen saudischen Königs das Land verlassen hatte, und verweigerten
ihm die Rückkehr nach Mauretanien. Der Flughafen in Nouakchott wurde
kurzzeitig gesperrt und der Präsident musste in Niamey (Niger) seine
Rückreise abbrechen.
Am Vormittag des 3. August war man zunächst allgemein etwas verwirrt,
weil niemand genau wusste, was geschehen würde. Da ich aber ziemlich
im Zentrum der Stadt wohne, habe ich gemerkt, dass nichts weiter passierte
und die Stadt insgesamt nur ruhiger als sonst wirkte. Verschiedene mauretanische
Freunde hatten mich zwar angerufen und gesagt, ich solle vorerst nicht das
Haus verlassen, auch meine mauretanische Vermieterin hatte mir diesen Rat
gegeben. Dennoch bin ich gegen Mittag zu einer Freundin in der Nachbarschaft
gegangen. Dort haben wir gegen 14 Uhr im Fernsehen ein Communiqué der
"Putschisten" vermittelt bekommen und überhaupt erst erfahren,
wer für den Putsch verantwortlich ist, wo sich der abgesetzte Präsident
befindet und vor allem, welche Pläne das an die Macht gekommene Militärkomité
für Mauretaniens Zukunft hat: zwei Jahre Interimsregierung durch das
Militärkomité, in diesem Zeitraum soll die Verfassung dahingehend
geändert werden, dass die Amtszeit des Präsidenten verkürzt
wird und er nicht beliebig oft wiederwählbar ist, darüber soll nach
ca. einem Jahr ein Referendum stattfinden und schließlich soll es Neuwahlen
mit vielen bisher durch die Diktatur unterdrückten Parteien geben; die
Mitglieder des derzeitig regierenden Militärkomités ziehen sich
dann aber wieder aus der Politik zurück.
Kaum war dieses Communiqué in der Bevölkerung bekannt geworden,
brach in der Stadt der Jubel los! Es bildeten sich überall hupende Autokorsos,
spontane Demonstrationen mit Freudengesängen und geschwenkten mauretanischen
Fahnen. Auch wir stürzten uns in den Trubel. Das Militär und die
Polizei waren zwar überall präsent, aber es gab keinerlei Ausschreitungen,
keine Schüsse, keine Plünderungen und abends keine Ausgangssperre.
Die Anhänger des gestürzten Präsidenten waren anscheinend eine
winzige Minderheit, die nicht den Mut hatten, gegen diesen Wandel vorzugehen,
weder an diesem Tag, noch an den darauffolgenden. Die große Mehrzahl
der Mauretanier feierte die gewaltlose Absetzung des Präsidenten durch
immer neue Freudenkundgebungen und Demonstrationen. Nach vier Tagen, zu Beginn
der neuen Woche, nahm jeder seine üblichen Tätigkeiten wieder auf,
mit der Hoffnung, dass das Militärkomité seine Versprechen hält
und dass es in Mauretanien eine echte freiheitliche Demokratie geben wird.
Inch'allah!
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