Nihon - Ganbatte

Sushi, Anime, überfüllte Straßenbahnen, neuste Roboter, Dauerstress und ein ewiges Lächeln - das sind wohl die typischen Stichpunkte (oder Vorurteile?) die einem zu "Japan" einfallen. Doch wie Japan wirklich, in der unverschönten Realität - im Alltag ist, das wissen die wenigsten. Die meisten würden zurückschrecken vor der Vorstellung alleine in einem so fernen, "exotischen" Land zu leben, die Kulturen seien doch zu verschieden.
Doch für mich ging ein Traum in Erfüllung, nicht weil ich Anime oder Roboter liebe, sondern weil ich schon immer erleben wollte, wie das Leben in Japan wirklich ist, wie es sich wirklich anfühlt in eine solch fremde Kultur eingeführt zu werden - in eine so unglaublich unterschiedliche, für uns gegensätzliche Welt einzutauchen und all das, von dem ich jahrelang nur gehört oder gelesen hatte, einmal selbst zu erleben.

Ich war sieben Monate in Japan und noch heute - wobei ich doch schon fast zwei Monate wieder in Deutschland bin - fällt es mir schwer eine Beschreibung von dem zu geben, was ich dort erlebt habe, weil es wirklich so viel zu erzählen gibt.
Japan und Deutschland, zwei Länder, wie sie unterschiedlicher von Mentalität, Kultur, Stil und Essen nicht sein könnten. Auch wenn ich einigermaßen gut vorbereitet war (zwei Jahre Japanisch als Schulfach und fünf Jahre Interesse in Japan) gab es zwar keinen berühmten "Kulturschock", jedoch musste ich mich sehr umstellen: Nicht nur bei dem Essen (wie bereits vermutet, "Brot" gibt es hier nur in Form von Toast), den langen Zugfahrzeiten (allein mein Schulweg war jeden Tag hin und zurück rund drei Stunden lang), der Mentalität der Japaner (ja, Lächeln zählt manchmal wirklich mehr als seine ehrliche Meinung preiszugeben), der Bewunderung, die auf einmal überall war (als Ausländerin mit auch noch blonden Haaren, blauen Augen und ca. 20 cm größer als alle um mich herum war ich natürlich die absolute Attraktion), sondern vor allem bei dem Schulsystem.
Ich befand mich auf einer relativ strengen, öffentlichen Schule mit Uniform. Disziplin war das Stichwort und stand auf dem Tagesprogramm - wenn der Knopf der Bluse auf war oder der Rock gefaltet wurde, musste man dann eben die Beschimpfung und Bestrafung (z.B. ein "Strafprotokoll" schreiben) still schweigend über sich ergehen lassen, Schminken und Strumpfhose, selbst bei Minusgraden, war verboten.

Doch auch wenn solch große Unterschiede existieren, es viele Momente gab, in denen ich mich ganz alleine durchschlagen musste (meine Organisation hatte mich im Stich gelassen), und es sehr sehr hart war (egal ob aufgrund von Stress, Anpassungsschwierigkeiten oder Familienproblemen), ich habe mich dort so wohl, zuhause und glücklich gefühlt wie noch nie in meinem Leben.
Nicht nur aufgrund meiner einzigartigen zweiten Gastfamilie (ich habe nach ca. vier Monaten gewechselt), sondern auch wegen meiner unglaublichen Freundschaften, die ich dort geschlossen habe, und der vielen Dinge, die ich dort so geliebt habe; Die tollen Geschäfte (der Stil!), der Kontrast zwischen Tradition und Moderne, die Nettigkeit der Japaner (wobei man sagen muss, dass ich die Offenheit sehr vermisst habe, es ist eben ein ziemlich schüchternes Land), die Ausflüge mit meinen Freunden und und und...
Ich war übrigens in Hiroshima und es ist nicht (wie oft angenommen) eine grün-leuchtende halb aufgebaute, halb zerstörte Stadt, sondern eine wunderschöne, grüne Stadt mit viel Szene, Kunst und Musikvorstellungen.

Wie schon erwähnt, ich kann gar nicht so viel erzählen wie ich gerne wollen würde, doch zum Schluss wollte ich noch erwähnen: Ein Austausch meiner Meinung nach ist nicht nur eine Reise in ein fernes Land, um die Kultur und Sprache kennen zu lernen, sondern vor allem, um den Alltag real miterleben zu können, Menschen aus anderen Kultur verstehen zu lernen und Freundschaften mit ihnen zu schließen und das Wichtigste, seinen eigenen Charakter weiter zu entwickeln und viele, viele Eindrücke und Kenntnisse über seine eigene Persönlichkeit mitzunehmen.
Das ist, was meinen Auslandsaufenthalt für mich so unglaublich wichtig, spannend und einzigartig gemacht hat. Dass ich nach dem Abitur nach Japan zurückkehre, erklärt sich ja dann wohl von selbst... :)

22. Mai 2008
Alexandra Faust, Stufe 11



 

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