Im Zeitalter von SARS ist AIDS in den westlichen Industrieländern mittlerweile schon fast in Vergessenheit geraten. Dabei sind nach Angaben des Robert Koch Instituts weltweit 42 Millionen Menschen infiziert, wobei sich das Virus besonders schnell in Afrika und Osteuropa ausbreitet. Nach offiziellen Angaben leben in Deutschland etwa 39.000 Menschen mit HIV, jährlich kommen ungefähr 2000 Neuinfektionen hinzu (die Dunkelziffer wird weitaus höher geschätzt). Dabei wurden mehr als ein Drittel der HIV-Infizierten aus den Großstädten Frankfurt a.M., Berlin, München, Düsseldorf, Hamburg und Köln gemeldet.
Vor 20 Jahren wurde das HI-Virus erstmals von Luc Montagnier und Robert Galo
entdeckt und isoliert. Obwohl bereits 1987 das erste Medikament (AZT) auf
den Markt kam, gibt es bis heute noch keinen zuverlässigen Impfstoff.
Die Aussichten dafür sind jedoch sehr gering, da sich das HI-Virus sehr
schnell verändert und die entwickelten Impfstoffe dadurch wirkungslos
bleiben.
HIV (menschliches Immunabwehrschwäche Virus) vermehrt sich vor allem
in den T-Helferzellen und lässt sie zugrunde gehen. Diese Immunzellen
spielen bei der Bekämpfung von Krankheitserregern ein Schlüsselrolle
und sind somit unerlässlich für die menschliche Immunabwehr. Menschen,
die infolge von AIDS (erworbenes Immunabwehrschwäche-Syndrom) nur über
eine sehr geringe Anzahl an T-Helferzellen verfügen, erkranken zunehmend
an – für uns harmlosen – Infektionskrankheiten, die im letzten
Stadium auch zum Tode führen können.
Die Erforschung des Vermehrungszyklus des HIV-Virus bietet verschiedene Ansatzpunkte
zur Entwicklung neuer Medikamente, die die Vermehrung des Virus aufhalten
und die Virus-Zahl gering halten sollen. Damit kann die Krankheit jedoch lediglich
aufgehalten, die Immunabwehr verbessert und die Zahl der opportunistischen
Infektionskrankheiten minimiert werden, wodurch insgesamt die Lebensqualität
und die Lebenserwartung erhöht werden kann. Man darf aber nicht vergessen,
dass das Virus trotz der Medikamente lebenslang im Körper bleibt und
jeder HIV-Infizierte ohne entsprechenden Schutz (v.a. Kondome) andere anstecken
kann.
Um eine entsprechende Wirkung entfalten zu können, erfordern die Medikamente
eine lebenslange Einnahme mit genau vorgeschrieben Einnahmezeitpunkten (Therapietreue).
Zudem gehen mit der Einnahme ein Reihe von unangenehmen Nebenwirkungen wie
Übelkeit, Schwächegefühl, Durchfälle, Hautausschläge
und Kopfschmerzen einher.
Bei der heutzutage wirkungsvollsten Mehrfach-Kombinationstherapie (HAART)
werden drei oder mehr verschiedene antiretrovirale Medikamente gegen HIV zusammen
eingenommen. Diese gehen auf verschiedenste Weise gegen die Virusvermehrung
vor:
Sogenannte Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (RTI) hemmen das Enzym des Virus,
welches das Umschreiben von RNA (Erbinformation des Virus) in DNA (Erbinformation)
und somit die Integration des Virus-Erbguts in das Erbgut der menschlichen
Wirtszelle ermöglicht, womit das Erbgut des Virus durch die Wirtszelle
nicht mehr vermehrt wird. Sogenannte Protease-Inhibitoren sollen den Aufbau
neuer Viren verhindern. Bei der Einnahme dieser Medikamente kommt es aber
häufig zu einer Lipidystrophie, einer Fettumverteilungsstörung im
Körper (viel Fett am Rumpf, wenig Fett an Beinen, Armen und im Gesicht).
Aufgrund der hohen Mutationsrate des Virus bzw. seiner Enzyme, können
Resistenzen gegen Medikamente auftreten, so dass diese von Zeit zu Zeit umgestellt
werden müssen. Um Medikamentenresistenzen gering zu halten, ist die Kombination
verschiedener Medikamente und das genaue Einhalten der Zeitabstände der
Einnahmen unbedingt erforderlich.
Eine prophylaktische Impfung wird es vorerst nicht geben, da Impfstoffe aufgrund
der ständigen Veränderung der Virus-Oberfläche wenig Schutz
vor neuen Virustypen bieten werden. Es ist höchstens an eine therapeutische
Impfung im Sinne einer Verbesserung der Immunabwehr in Zukunft zu denken.
Zur Zeit werden neuer Medikamente entwickelt, die das Eindringen des HI-Virus
in die Wirtszelle (Fusionsinhibitoren) oder die Integration des Virus-Erbgut
in das Erbgut der menschlichen Zelle (Integrase-Inhibitoren) verhindern sollen.
Trotz Entwicklung neuer Medikamente sollte man jedoch nicht zu leichtfertig
mit dem Ansteckungsrisiko umgehen, da diese die Vermehrung des Virus nur unterdrücken
können, solange sie ordnungsgemäß eingenommen werden. Dauerhaft
wird man diese Krankheit auch zukünftig nicht bekämpfen können.
Übrigens darf man nicht vergessen, dass Schutzmaßnahmen wie Kondome
nicht nur einen guten Ansteckungsschutz vor HIV, sondern auch vor Geschlechtskrankheiten
und Hepatitis B bieten, zumal das Ansteckungsrisiko bei diesen Krankheiten
wesentlich größer ist als bei HIV.
Beispiel: 50.000 Neuinfektionen pro Jahr bei Hepatitis B (1000 Infizierte
sterben jedes Jahr daran) stehen geschätzten 2000 Neuinfektionen pro
Jahr bei HIV gegenüber.
Bei Hepatitis A und B sowie anderen Infektionskrankheiten sollte die Möglichkeit
einer Impfung bzw. Auffrischung einer Impfung unbedingt in Betracht gezogen
werden.
H. Schmidt
Quellen: Deutsche AIDS-Hilfe e.V.: Rund um die Kombinationstherapie (3.
Aufl. 2002)
Vortrag von Dr. med Martin Reith beim Pädagogenabend in der AIDS-Hilfe
Düsseldorf
(21.05.2003)
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